Interview mit dem Künstler und Fotografen Tom Tautz
Ausstellung Enjoy the ScienceDeine Ausstellung heißt „Enjoy the Science – Makroaufnahmen zwischen Ästhetik und Erkenntnis“. Was bedeutet dieser Titel für dich?
Das Wesentliche ist, Wissenschaft zu genießen – ohne gleich alles verstehen oder hinterfragen zu müssen. Die Ausstellung lädt dazu ein, ganz nah an die Exponate heranzutreten, in die Objekte einzutauchen und sich zwischen den beiden Polen Ästhetik und Erkenntnis zu bewegen. Ich würde die Kombination aus Ästhetik und Erkenntnis dann als eigene Wahrnehmung bezeichnen. Ich nähere mich den Exponaten über ihre Schönheit, ihre Formen und Farben. Wie die Besucherinnen und Besucher das tun, bleibt ihnen selbst überlassen.
Für mich bedeutet es, auch eine andere Perspektive einzunehmen. Das kann ich einerseits tun, in dem ich weit weggehe. Ich habe mal ein Bild gesehen, da wurde ein Punkt auf der Milchstraße mit einem Pfeil versehen und als Erde bezeichnet. Ich habe den anderen Weg eingeschlagen und bin ganz nahe herangegangen. Und diese Herangehensweise macht etwas mit einem. Relativiert die Ansicht und lässt einen anderen Blick zu.

Du sagst, dass die Dinge in deinen Bildern „ihre Namen verlieren“ und nur noch Farbe, Licht und Oberfläche bleiben. Was bedeutet dieser Moment der Namenlosigkeit für dich?
Namenlosigkeit ist für mich nichts Negatives. Sie ermöglicht es, Etiketten loszulassen und sich ganz dem Gefühl hinzugeben. Ohne Schubladen oder Kategorien entsteht Raum für unmittelbares Erleben und Wahrnehmen.
Die Ausstellung ist noch bis zum 30. April im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

Hat die besondere Architektur des phaeno deine Bildauswahl beeinflusst?
Definitiv. Diese außergewöhnliche Architektur erzeugt eine knisternde Atmosphäre, die einen richtig elektrisiert. Sie bringt einen dazu, die Sinne zu schärfen und weckt Neugier. Für mich ist das phaeno ein Wimmelbild der Wahrnehmung – beeindruckend, aber zugleich fordernd. Es inspiriert dazu, genauer hinzusehen.
Du fotografierst Details, die andere oft übersehen. Wie hast du entschieden, welche Elemente du in den Fokus rückst?
Ich habe mich nicht bewusst entschieden. Ich habe mich leiten lassen – von meinem Bauchgefühl, meinem Auge. Zunächst funktionierten die offensichtlichen, plakativen Motive gar nicht. Stattdessen waren es ganz andere Exponate, die im Makro plötzlich eine unerwartete Wirkung entfalteten.

Makroaufnahmen bewegen sich zwischen Kunst und Wissenschaft. Hast du dich bei der Arbeit auch als Forscher gefühlt?
Ja, auf jeden Fall. Durch das Makroobjektiv betritt man eine andere Welt. Der erste Blick durch die Linse ist wie der Moment, in dem man das erste Mal durch ein Mikroskop schaut. Zuerst denkt man: Was ist das denn? Dann beginnt die Neugier.
Gab es während des Projekts naturwissenschaftliche Phänomene, die dich besonders fasziniert haben?
Ja, denn durch das Fotografieren beschäftigt man sich viel intensiver mit den Exponaten. Dinge, an denen man sonst vielleicht vorbeigeht, werden auf einmal zu Objekten des Staunens. Danach blickt man mit anderen Augen auf sie.

Wie wichtig ist es dir, dass Besucherinnen und Besucher deine Motive wiedererkennen – oder sollen sie das lieber gar nicht tun?
Ich möchte das ganz bewusst nicht, dass sie die Motive wiedererkennen. Gerade das Unbestimmte schafft den Zauber, den meine Detailaufnahmen auslösen. Enjoy the Science bedeutet, sich überraschen zu lassen, zu genießen – ohne Erklärung, ohne Anleitung. Ich möchte die Gäste dazu anregen, die phaeno Ausstellung auch einmal selbst aus ganz eigener Perspektive zu betrachten.
Deine Bilder reduzieren auf Struktur, Textur und Farbe. Gibt es eine Art visuelle Grammatik oder Regeln, nach denen du arbeitest?
Vermutlich schon – meine eigene Handschrift, meine Art, Bildausschnitte zu wählen oder Formen zu sehen. Aber das geschieht intuitiv, nicht nach festgelegten Regeln.

Welche Reaktion wünschst du dir besonders von Menschen, die Wissenschaft sonst eher kompliziert finden?
Ich wünsche mir, dass sie entdecken, wie attraktiv, ja fast sinnlich Wissenschaft sein kann. Sie ist nicht trocken – sie ist lebendig, bunt und voller Überraschungen.
Welche technischen Entscheidungen waren für „Enjoy the Science“ besonders wichtig?
Ich habe alles bewusst einfach gehalten: nur ein Makroobjektiv und einen Adapterring verwendet. Die Nachbearbeitung ist dann auch ein kreativer Prozess, durch den ich Farben, Strukturen und Lichtstimmungen noch verfeinern kann.
Wenn du „Enjoy the Science“ weiterdenken könntest – wo würde dich die Reise als Nächstes hinführen?
Vielleicht weniger an einen neuen Ort, sondern zu einem neuen Ansatz: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Nichtwissenschaftlern zusammenzubringen. Dieser Austausch könnte ganz neue Blickwinkel eröffnen – für beide Seiten und eine Bereicherung sein.





