Eine magische Skulptur über der Stadt.
Als Zaha Hadid im Jahr 2000 den Architekturwettbewerb für das neue Wolfsburger Wissenschaftszentrum gewann, ahnte kaum jemand, was da kommen würde. „Das ehrgeizigste und vollständigste Statement unserer Suche nach komplexen, dynamischen und fließenden Räumen" — so beschrieb sie das Projekt selbst, noch bevor der erste Bagger die Erde berührte.
Was entstand, ist ein Gebäude von radikaler Eigenständigkeit: 170 Meter lang, 16 Meter hoch, auf zehn hohlen Betonkegeln aufgeständert, den sogenannten Cones. Der Baukörper thront über der Straße und gibt den darunter liegenden Raum als neuartige, überdachte Stadtlandschaft mit sanften Hügeln und Tälern frei. Wer das phaeno von außen erblickt, sieht kein Gebäude im gewöhnlichen Sinne — sondern etwas, das gelandet zu sein scheint. Ein Raumschiff aus Beton, das auf neun Meter hohen Stelzen ruht und die Schwerkraft zu verhöhnen scheint.

10
CONESZehn konische Betonkegel tragen das gesamte Gebäude. Jeder ist hohl, hat einen Durchmesser von bis zu 7 Metern und beherbergt eine eigene Funktion — vom Wissenschaftstheater bis zum Ideenforum.
1.
ORTBETONBAUDas phaeno ist Europas größter Bau aus selbstverdichtendem Beton — ein Material, das in dieser Dimension in Deutschland zuvor nie eingesetzt worden war und eine Sondergenehmigung erforderte.
0°
RECHTE WINKELSchiefe Ebenen, spitze Wände, hervorragende Dächer: Im Inneren ändern sich die Perspektiven mit jedem Schritt. Krater, Höhlen, Terrassen und Plateaus bilden eine begehbare Skulptur.
Das phaeno wurde zu einer ingenieurstechnischen Extremaufgabe. Für den selbstverdichtenden Beton musste das Wolfsburger Bauamt eine „Zulassung im Einzelfall" erteilen. Probleme bei der Bemessung und Betonzusammensetzung machten umfangreiche Sanierungen am fertig gestellten Tragkegel 6 notwendig — was das phaeno im Sinne seines eigenen Bildungsauftrags auch zu einer realen Experimentierlandschaft für die Bautechnik machte.
Das Ergebnis: Der Britische Guardian zählt das phaeno zu den zwölf bedeutendsten modernen Bauwerken der Welt. The Financialist nahm es in die Liste der sieben Weltwunder der Moderne auf. Der Bau gewann 2006 den RIBA European Award sowie den Institution of Structural Engineers Award — und verhalf seiner Schöpferin zur weltweiten Anerkennung, die ihr so lange verwehrt geblieben war.

phaeno Architekturstation.
Wer heute das phaeno besucht, findet mitten in der Ausstellung eine digitale Architekturstation — ein Erlebnis, das das Gebäude selbst zum Exponat macht. Mit modernster Technologie entwickelt, erlaubt sie einen Drohnenflug durch Innen- und Außenraum, interaktive 3D-Modelle des Baus und originalgetreue Animationen aus der Entwurfsphase — darunter digitale Simulationen, die vor über 20 Jahren für das Architektenteam eine Revolution darstellten.
Exklusive Filminterviews mit Christos Passas, dem damaligen Projektleiter bei Zaha Hadid Architects, und mit Prof. Hanif Kara, dem Strukturingenieur des Projekts, geben tiefe Einblicke in die Entstehungsgeschichte. Die Station wurde in Zusammenarbeit mit der Zaha Hadid Foundation und Zaha Hadid Architects entwickelt.

Von Bagdad nach ganz oben.
Zaha Hadid wurde am 31. Oktober 1950 in Bagdad geboren, in eine wohlhabende, weltoffene Familie. Das Elternhaus war eines der ersten Gebäude in Bagdad im Bauhaus-Stil. Schon als Kind entwarf das Mädchen ihr eigenes Kinderzimmer neu. Mit elf Jahren wusste sie: Sie wollte Architektin werden.
Sie studierte Mathematik an der Amerikanischen Universität in Beirut, zog 1972 nach London und schrieb sich an der legendären Architectural Association ein — wo sie Studentin, später Dozentin und schließlich Ikone werden sollte. Sie arbeitete bei Rem Koolhaas' OMA, gründete 1979 ihr eigenes Büro, und begann eine Karriere, die noch lange mit dem Wort „unbaubar" verfolgt werden sollte.
„Ich bin eine Frau. Ich bin arabisch. Ich bin eine Architektin. Und ich baue. Warum sollte das die Ausnahme sein?"
— Zaha Hadid
Jahrelang gewann sie Wettbewerbe, deren Siegerentwürfe nie realisiert wurden. Die Welt bewunderte ihre Zeichnungen — und wagte nicht, sie zu bauen. 1982 sorgte ihr preisgekrönter Entwurf für den „The Peak Leisure Club" in Hongkong für weltweites Aufsehen; gebaut wurde er nie. Erst 1993 brach das Eis: Rolf Fehlbaum von Vitra wagte es, ihr Feuerwehrhaus in Weil am Rhein zu errichten. Weil am Rhein wurde zur Pilgerstation für Architektinnen und Architekten aus aller Welt.
Was folgte, war ein Aufstieg ohne Gleichen. Als 2004 der Pritzker-Preis — der Nobelpreis der Architektur — an sie verliehen wurde, war sie nicht nur die erste Frau, die diese Auszeichnung je erhielt. Mit 53 Jahren gehörte sie auch zu den jüngsten Preisträgerinnen überhaupt. Pritzker-Juror Frank Gehry urteilte: „Jedes Projekt entfaltet sich mit neuer Aufregung und Innovation."
Sie war unbequem. Sie galt als schwierig, als kompromisslos, als zu ehrgeizig. Sie wusste es. „Ich weiß nicht, ob ich anders arbeite als ein Mann", sagte sie einmal lakonisch, „ich bin nie ein Mann gewesen." Dabei störte sie am meisten, dass ihre männlichen Kollegen nie nach ihrer Kleidung oder ihrem Führungsstil gefragt wurden. Sie verweigerte die Rolle der Ausnahmefrau. Sie wollte einfach die beste Architektin der Welt sein.

Was bleibt, wenn Beton fließt.
Zaha Hadid Architects existiert weiter, unter der Leitung ihres langjährigen Partners Patrik Schumacher. Projekte auf jedem Kontinent tragen ihre Handschrift: das Heydar Aliyev Center in Baku, das Guangzhou Opera House, das Aquatics Center der Londoner Olympischen Spiele, das Messner Mountain Museum Corones in Südtirol — eines ihrer letzten vollendeten Projekte. Die Welt dreht sich, und überall auf ihr stehen Kurven, die sie hinterließ.
Und in Wolfsburg steht das phaeno. Es empfängt Schulklassen und Familien, Architekturpilger und Neugierige. Es ist gleichzeitig Wissenschaftsmuseum und begehbare Skulptur, Lernort und Raumkunstwerk. Es ist das vollständigste Zeugnis dafür, was Architektur kann, wenn jemand bereit ist, alles für sie zu riskieren.
Am 31. März 2026 — zehn Jahre nach ihrem Tod — erinnern wir uns an eine Frau, die nicht zugehört hat, wenn man ihr sagte, etwas sei unbaubar. Die Antwort darauf steht in Wolfsburg, auf zehn Betonkegeln, 16 Meter über der Erde. Vielen Dank und großen Respekt, Zaha Hadid.













