Wenn Stille zum Experiment wird.
Über 300 interaktive Exponate, verteilt auf eine sieben Meter hohe Kraterlandschaft aus Beton – wer das phaeno zum ersten Mal betritt, wird von Geräuschen, Farben und Bewegung förmlich überrollt.
Einmal pro Stunde schießt im Zentrum der Ausstellung eine bis zu sechs Meter hohe Flammensäule in die Höhe, Europas größter Indoor-Feuertornado.
Spiegelkabinette- und Exponate, der Schwindeltunnel und schiefe Räume erzeugen optische Täuschungen, an Klangstationen lässt sich mit Schallwellen experimentieren, Lichtinstallationen tauchen ganze Bereiche in wechselnde Farben.
Genau dieses Prinzip, möglichst viele Sinne gleichzeitig ansprechen, um physikalische Phänomene erlebbar zu machen, hat phaeno seit seiner Eröffnung 2005 so erfolgreich gemacht. Es ist, mit Verlaub, ein Haus, das laut sein will.

Warum "leise" plötzlich zum Thema wird.
Dass ausgerechnet ein Ort wie dieser jetzt eigene ruhige Zeitfenster einrichtet, ist kein Zufall, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Trends. Museen, Kinos oder Freizeitparks bieten zunehmend “Silent Hours” oder “Sensory-friendly Hours” an – Zeiten, in denen Lärm, Licht und Besucherzahlen bewusst reduziert werden.
Der Hintergrund: In den vergangenen Jahren ist das öffentliche Bewusstsein für Neurodiversität deutlich gewachsen. Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, Hochsensibilität oder sensorische Verarbeitungsstörungen sind heute weit häufiger Gesprächsthema als noch vor zehn Jahren – nicht, weil es plötzlich mehr betroffene Menschen gäbe, sondern weil Diagnostik, mediale Aufmerksamkeit und Selbsthilfe-Communities das Thema sichtbarer gemacht haben. Parallel dazu wächst der Anspruch an öffentliche Einrichtungen, tatsächlich für alle zugänglich zu sein – nicht nur baulich barrierefrei, sondern auch sensorisch.

Wer hat womit Probleme – und was genau triggert?
Reize wie Geräusche, Lichtblitze oder Menschenmassen werden nicht von allen Menschen gleich verarbeitet. Manche Menschen nehmen solche Reize deutlich intensiver wahr als der Durchschnitt. Das betrifft insbesondere:
- Menschen im Autismus-Spektrum, für die unvorhersehbare Geräusche, grelles oder flackerndes Licht und Gedränge schnell zu Überforderung führen können.
- Hochsensible Menschen, deren Nervensystem Reize aus der Umgebung stärker filtert, beziehungsweise eben nicht herausfiltert.
- Menschen mit sensorischen Verarbeitungsstörungen, bei denen die Reizverarbeitung im Gehirn anders organisiert ist.
- Aber auch ältere Menschen, Menschen mit Migräne oder Angststörungen sowie kleine Kinder, die von einer Kombination aus Lärm, Stroboskoplicht und großen Besuchergruppen schlicht überfordert sein können.
Typische Auslöser in einem Haus wie dem phaeno sind schnell benannt: plötzliche, laute Geräusche, Stroboskop- und Blitzlicht, grelle oder schnell wechselnde Farben, Durchsagen über Lautsprecher sowie schlicht die Menge an Menschen, die sich durch die offene Architektur der Ausstellungsbereiche bewegt. Für reizempfindliche Besucher:innen kann genau das, was für andere den Reiz des Museums ausmacht, zur Hürde werden – bis hin dazu, dass ein Besuch komplett ausfällt.

Was das phaeno konkret anbietet.
phaeno reagiert darauf mit eigens eingerichteten “Stillen Stunden”, die mehrmals im Jahr stattfinden. Der nächste Termin ist der 13. November 2026, ab 14:00 Uhr. An diesen Nachmittagen greifen mehrere Maßnahmen gleichzeitig:
- Weniger Lärm: Besonders laute Exponate werden reduziert oder abgeschaltet, um den Geräuschpegel im Haus insgesamt zu senken.
- Gedämpftes Licht: Exponate mit stark blinkender oder grell wechselnder Beleuchtung werden zurückgefahren.
- Mehr Ruhe durch weniger Menschen: An diesen Tagen werden keine Gruppen angenommen, damit sich der Besuch insgesamt entspannter gestaltet.
Ziel ist es, einen Ort der Entspannung und des Staunens zu bieten, an dem Besucher:innen die Welt der Wissenschaft in Ruhe erleben können – ohne Ablenkung oder Überforderung.

Eine Gratwanderung.
So sinnvoll das Konzept ist – es ist auch ein Balanceakt. Wer eigens wegen des Feuertornados, der Lichteffekte oder der lauten, actionreichen Atmosphäre anreist, könnte an einem “stillen” Nachmittag enttäuscht werden, wenn genau diese Exponate gedrosselt oder abgeschaltet sind. Ein Science Center wie das phaeno lebt zu einem großen Teil von seiner sinnlichen Wucht – Farbe, Klang, Bewegung sind kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Wissensvermittlung. Werden diese Reize reduziert, verändert sich zwangsläufig auch das Erlebnis für alle anderen Besucher:innen an diesem Nachmittag.
Hinzu kommt ein organisatorischer Punkt: Der Verzicht auf Gruppen an diesen Tagen bedeutet auch einen wirtschaftlichen und planerischen Einschnitt für ein Haus, das sich unter anderem über Schul- und Kita-Gruppen finanziert und strukturiert. Stille Stunden sind also kein kostenloses Add-on, sondern eine bewusste Entscheidung, an einzelnen Nachmittagen im Jahr einen Teil des gewohnten Angebots zurückzustellen – zugunsten einer Zielgruppe, die sonst möglicherweise gar nicht kommen würde.
Das phaeno stellt sich dieser Problematik dennoch bewusst und formuliert das Angebot nicht als Ausnahme, sondern als festen, wiederkehrenden Programmpunkt mehrmals im Jahr. Die Botschaft: Inklusion bedeutet nicht, dass alle immer alles gleichzeitig bekommen – sondern dass es überhaupt Gelegenheiten gibt, bei denen unterschiedliche Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen dürfen.

Was Besucher:innen sonst noch tun können.
Auch außerhalb der Stillen Stunden lässt sich ein Besuch reizärmer gestalten:
- Besuchszeiten gezielt wählen: Werktags besuchen oft Schulklassen und Kita-Gruppen das phaeno. Der Nachmittag ist in der Woche deutlich ruhiger als am Wochenende oder in den Ferien.
- Gehörschutz oder Kopfhörer mitbringen, um akustische Spitzen abzufedern.
- Pausen einplanen: Ruhigere Ausstellungsbereiche als Rückzugsort nutzen.
- Vorab informieren: Der virtuelle Rundgang auf der phaeno Website gibt schon vor dem Besuch einen Eindruck davon, welche Bereiche besonders reizintensiv sind.
- Direkt mit dem phaeno Team sprechen: Für individuelle Bedürfnisse lohnt sich vorab ein Anruf oder eine Mail, um Tipps zum optimalen Besuchszeitpunkt zu bekommen.

Die Stillen Stunden sind damit kein Widerspruch zum lauten, bunten phaeno, sondern eine Ergänzung: ein Haus, das sein Grundprinzip – Wissenschaft mit möglichst vielen Sinnen erlebbar zu machen – für ein paar Nachmittage im Jahr bewusst herunterdimmt, damit auch die davon profitieren können, für die genau diese Sinnesfülle sonst zur Hürde wird.





