phaenoSOMMER ☀️

Tag der Architektur

Phänomen phaeno - Wenn Beton zu fließen beginnt.

Es gibt Bauwerke, die fordern uns heraus. Sie passen in keine Schublade, sie brechen mit jeder gängigen Norm und lassen uns mit offenem Mund zurück. phaeno ist genau so ein bauliches Phänomen. Pünktlich zum diesjährigen Tag der Architektur am 28. Juni 2026 richten wir das Scheinwerferlicht auf eine Ikone der zeitgenössischen Baukunst, die vor über zwanzig Jahren die Fachwelt revolutionierte und bis heute wie ein futuristisches Raumschiff im städtischen Gefüge landet. Die britische Tageszeitung The Guardian zählt es nicht ohne Grund zu den zwölf bedeutendsten Bauwerken der Moderne – in einer Reihe mit dem Empire State Building in New York oder der Oper in Sydney.

Eine schwebende Vision gegen die Schwerkraft.

Wer sich dem phaeno nähert, spürt sofort, dass hier die Gesetze der klassischen Architektur außer Kraft gesetzt scheinen. Das Gebäude ist eine radikale Absage an den rechten Winkel. Entworfen von der Jahrhundert-Architektin Zaha Hadid, ruht eine gewaltige, 12.631 Quadratmeter große Betonstruktur in sieben Metern Höhe auf zehn gewaltigen, organisch geformten Kegelfüßen, den sogenannten „Cones“.

Das Besondere an dieser Architektur? Sie schafft einen völlig neuen, fließenden Stadtraum. Statt die Innenstadt vom angrenzenden Volkswagen-Werksgelände abzutrennen, unterwandert die Stadtlandschaft das Gebäude förmlich. Unter dem gigantischen, aufgeständerten Baukörper spaziert man durch eine künstliche Topographie aus sanften Hügeln und Tälern. Außenraum wird nahtlos zu Innenraum. Zaha Hadid selbst beschrieb ihre Vision einmal so:

„Der freie Baugrund ist eine Idee der Moderne, jedoch war er nie ein belebter Raum. Genau diesen versuche ich zu schaffen.“

Jeder einzelne der zehn Cones ist ein statisches und ästhetisches Unikat. Sie tragen nicht nur das Dach, sondern „verschlucken“ auch die Funktionen der Stadt: In ihrem Inneren verbergen sich die Eingänge, ein Wissenschaftstheater, Werkstätten und Labore. Im Inneren des Ausstellungsbereichs setzt sich dieses fließende Raumkontinuum fort: Ohne trennende Wände oder vorgegebene Wege erkundet man die Experimentierlandschaft völlig auf eigene Faust – Architektur und informelles Lernen greifen hier perfekt ineinander.

Mehr zum Bauprozess in unserer Architektur-Broschüre

Das Baustellen-Abenteuer.

Honigartiges Elixier und Wikinger-Präzision.

Die Baugeschichte des phaeno liest sich wie ein technologischer Abenteuerroman. Als im März 2001 der erste Spatenstich erfolgte, betraten Ingenieur:innen und Bauarbeiter:innen absolutes Neuland. Hadids kompromissloser Entwurf stieß an die absoluten Grenzen des damals technisch Machbaren.

Über vier Jahre lang glich das Projekt einem gigantischen Labor. Weil die Geometrie der schrägen Wände (mit Neigungen von bis zu 40 Grad) so komplex war, musste eine völlig neue Betontechnologie eingesetzt werden. Zum ersten Mal in Deutschland kam in großem Umfang sogenannter „Selbstverdichtender Beton“ (SVB) per Sonderzulassung zum Einsatz. Zeitzeugen und alte Berichte beschreiben die Faszination dieses Baustoffs: Zähflüssig wie Honig floss das Elixier ohne mechanisches Rütteln in jeden noch so verwinkelten Bereich der Schalung. Für die Schalung der organisch gekrümmten Flächen wurden teils konische Holzbretter verwendet – eine Methode, die an den historischen Bau von Wikingerschiffen erinnert.

Während der Rohbauphase glich das Gebäude einem Schiff im Trockendock, verborgen in einem undurchdringlichen Wald aus tausenden von Hilfsstützen. Erst als das Dach – ein fächerförmiger, schiefwinkliger Trägerrost aus lauter maßgefertigten Einzelstücken – aufgesetzt und mit den Cones verbunden wurde, passierte das architektonische Wunder: Die Stützen fielen, und die tonnenschwere Betonskulptur schien plötzlich schwerelos über dem Boden zu schweben.

Foto: ar.inspiredpencil.com/pictures-2023/phaeno-science-center-construction

Zaha Hadid.

Die Frau, die den Beton zähmte.

Dass dieses Projekt überhaupt realisiert wurde, ist dem unbändigen Willen einer absoluten Ausnahmeerscheinung zu verdanken. Zaha Hadid war eine Pionierin in einer bis heute stark männlich dominierten Disziplin. Geboren in Bagdad, zog sie später nach London und erarbeitete sich schnell den Ruf eines architektonischen Wunderkinds und einer streitbaren Konzeptkünstlerin, deren Entwürfe vielen Bauherren schlicht „zu gewagt“ und „unbaubar“ erschienen.

2004 – mitten in der heißen Bauphase des phaeno – erhielt sie als allererste Frau den Pritzker-Preis, den Nobelpreis der Architektur. Hadid war berühmt für ihre Präzision und ihre unnachgiebige Haltung. Wenn sie mit Kritiker:innen oder skeptischen Ingenieur:innen konfrontiert wurde, konterte sie messerscharf und duldete keine schwachen Argumente. Einst auf Vorwürfe angesprochen, ihre Entwürfe entsprächen nicht dem Massengeschmack, entgegnete sie stolz, dass sie sich nicht den gängigen Normen unterwerfe: Sie sei eben nicht nur Dienstleisterin, sondern Künstlerin.

Zaha Hadid

Hinter der unnahbaren, oft als „Diva“ betitelten Fassade steckte jedoch eine Frau, die zeitlebens mit ihren Visionen das Phantastische greifbar machen wollte. Auf die Frage nach ihren Neidern sagte sie einmal gelassen: 

„Das stört mich nicht. Das ist nur Ausdruck dafür, dass die Menschen verlernt haben, an die Möglichkeit des Phantastischen zu glauben.“ 

Foto der Architektin Zaha Hadid, in schwarz gekleidet vor schwarzem Hintergrund.

Ein internationales Team.

Und ein Mann, der alles zusammenhielt.

Ohne Christos Passas kein phaeno. Er leitete das Projekt bei Zaha Hadid Architects von Anfang an – schon im Wettbewerbsteam 1999/2000 war er dabei. Über vier Jahre lang koordinierte er die Planung zwischen London, Lörrach, Hannover und Wolfsburg.

„Aus der Beurteilung des Wettbewerbsentwurfs: Die Grundidee dieses Modells ist die Magic-Box – das rätselhafte Objekt, das Neugier und Entdeckungslust weckt, bei dem man spürt: Hier waltet eine Gesetzmäßigkeit." (Wettbewerbsjury, 2000, über den Hadid/Passas-Entwurf)

Passas gilt als einer der wichtigsten Köpfe im Büro ZHA. Er hat nicht nur das phaeno geprägt, sondern auch andere Großprojekte des Büros geleitet.

Team - phaeno.

✏️ Entwurf

Zaha Hadid Architects, London · Projektarchitekt: Christos Passas · Stv.: Sara Klomps · Contributor: Patrik Schumacher (Director) · Team: Silvia Forlati, Guenter Barczik, Lida Charsouli, Marcus Liermann, Kenneth Bostock, Enrico Kleinke, u.v.m.

👷‍♀️ Inneneinrichtung

Ausstellungskonzept: Joe Ansel / Ansel Associates

Inneneinrichtung: Uli Guth und Schenkirz Wendl, München

🚧 Ausführung

Mayer Bährle Freie Architekten BDA, Lörrach · Projektleiter: René Keuter, Tim Oldenburg · Team: Sylvia Chiarappa, Stefan Hoppe, Andreas Gaiser, Roman Bockemühl, Annette Finke, Stefanie Lippardt, Jens Hecht, Christoph Volkmar

💡 Technik & Licht

NEK Ingenieurteam, Wolfsburg / Braunschweig

Büro Happold, Berlin/London 

Licht: Fahlke & Dettmer, Hannover 

Office for Visual Interaction, New York

⚙️ Tragwerksplanung

Adams Kara Taylor, London 

Tokarz Freirichs Leipold, Hannover 

Becker-Görz-Meister, Hagen (Bodenplatten)

🐺 Bauherr

Neuland Wohnbaugesellschaft mbH, Wolfsburg (im Auftrag der Stadt Wolfsburg)

Initiator: Stadt Wolfsburg

Betreiber: Stiftung phaeno

Einladung zum Staunen.

Am Tag der Architektur 2026 feiert das phaeno nicht nur sich selbst, sondern das bleibende Vermächtnis einer visionären Frau. Es ist ein Gebäude, das man nicht einfach nur betrachtet – man muss es durchwandern, erfühlen und erleben. Wer an diesem Sonntag nach Wolfsburg kommt, wird feststellen: Dieser Prototyp aus Beton und Glas hat auch nach Jahrzehnten nichts von seiner magischen, zukunftsweisenden Kraft verloren. Ein echter Pflichttermin für alle, die das Staunen noch nicht verlernt haben!

Fundstücke: Pressestimmen / Eröffnung 2005

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